Ein Leben wie im hölzernen Himmel

Kundenholzer SpiessEr kam im «Himmel» anno
1923 zur Welt. Doch Alfred
Spiess musste schon früh mit
beiden Füssen auf dem Boden
stehen. Ein halbes Jahrhundert
lang verdiente er sein täglich
Brot als Kundenholzer.

Ein Mann, 160 Zentimeter klein, steuert den Einachser dem Hof entgegen. Im Schlepptau einen hölzernen Anhänger. Begleitet vom bellenden Sisel. Die Tabakpfeife im Mund. Eine schwarze Zipfelmütze, ein langer, struppiger Bart. Kundenholzer Spiess ist unterwegs. Auf der Stör. Von Gehöft zu Gehöft. Er wechselt sein Zuhause wie andere die Kleider. « Alfi » will er genannt werden. Dieser Name ist nicht nur im Hinterland bekannt. Alfi kennen die Bauern auch ennet der Grenze, im Bernbiet. Spiess spaltet und hackt Holz. Wie kein Zweiter. Er macht aus Kleinholz Bürdeli, von frühmorgens bis spätabends. Das war früher.

Treuste Wegbegleiterin
Heim Breiten, Zimmer 205, kurz vor Silvester 2008. Zwischen beissenden Rauchschwaden sind die Umrisse einer gebückten Gestalt zu erkennen. Alfi sitzt an seinem Lieblingsort. Im Rollstuhl, am Fenster, mit Blick auf die Hauptstrasse. Der 85-Jährige lebt seit 2003 im Heim zwischen Willisau und Hergiswil. Hierhin hat ihn seine längste Wegbegleiterin geholt: Annarose Schönenberger, eine Ingenbohler Schwester, heute 63-jährig. Die zierliche Frau im weissen Kleid ist seit zehn Jahren Leiterin des Heims Breiten. Viel früher hatte sie Alfred Spiess angetroffen. Damals, am 16. Oktober 1985, an ihrem allerersten Arbeitstag im einstigen Zeller Altersheim auf der Mettmenegg. Sozialvorsteher Erni lieferte Alfred Spiess an jenem Mittwoch im Heim ab. An diesen Tag erinnert sich Schwester Annarose als ob es gestern gewesen wäre: « Alfi roch nach Tabak und Träsch, seine Zipfelmütze war schmutzig, sein Pullover voller Löcher.» Der Störholzer wurde zum Pensionär, das Altersheim zu seinem neuen Zuhause.

Von «Muetters Schlag»
Alfi kam am 30. Juni 1923 im «Himmel» zur Welt, auf einem Heimetli ob der Hergiswiler «Höll». Ein Heiliger? «Weit gefehlt», sagt Schwester Annarose, «aber ein unschuldiger, herzlicher Mann.» Schon mit zwei Jahren traf ihn das Schicksal hart. Seine Mutter verstarb. Über das Warum wurde nie gesprochen. Er kannte sie nur von zwei, drei Schwarz-Weiss-Fotos her. «Und vom Hörensagen», sagt Alfi . Eine herzensgute, friedliebende Frau sei sie gewesen. «I be vo Muetters Schlag», sagt Alfi noch heute. Und sein Vater? «E ruche Maa», antwortet er. Dieser Vater hat seine beiden Söhne zu einer Pflegefamilie nach Ballwil gebracht. Dort war er zu jener Zeit als Knecht tätig. 1929 heiratete der Vater erneut. Er zog als Melker und Handlanger durch die Schweiz, ging auf die Stör. Später kaufte er sich ein Gehöft in Brugg. Doch lange konnte er die Familie nicht über Wasser halten. Denn diese wuchs um drei Kinder an. Und mit ihnen auch der Schuldenberg. Die achtköpfige Familie Spiess musste das Haus verkaufen. Danach zog sie über die Landesgrenze nach Frankreich, wo Vater Spiess einen Bauernhof in Pacht nahm. Mitten im Zweiten Weltkrieg folgte die Ausweisung.
Es ging retour, zurück ins Hinterland, nach Willisau. Nun ging Alfi seinen eigenen Weg und verdiente seine ersten Batzen als Knecht. Bald kaufte er sich seinen ersten Einachser in Luthern. «E chline Cheib» sei er damals gewesen, sagt Alfi Spiess .

Drei Finger weg
Die ersten Holzscheite spaltete er mit einem Beil, von Hand. Doch mit dem ersten Lohn als Störholzer schaffte er sich eine Spaltmaschine an. Ein Gerät, wie es damals im Hinterland noch keiner besass. Alfi arbeitete exakt und zügig. «Entweder holze oder schnöre»: Das war Alfis Devise. Seine Maschine erleichterte ihm die Arbeit. Doch sie war ein gefährliches Hilfsmittel. Der Holzer hebt die linke Hand: Der mittlere Finger fehlt. «Das esch halt schnell passiert», sagt er und zeigt auch seine rechte. Hier sind der Mittel- und Ringfinger kürzer. Doch er kommt mit den verbliebenen Fingern zurecht. So etwa hält er in der rechten Hand die Tabakpfeife, mit der linken schaltet er das Radio ein. Es ist kurz vor Mittag. Zeit für die Nachrichten.

Der Radiotick
Um elf Uhr darf ihn niemand stören, sagt Schwester Annarose. Der Radio sei Alfi wichtig. Und sie zeigt auf die vier Geräte, die in seinem Zimmer verteilt sind. Doch das sei noch gar nichts im Vergleich zu früher. Damals habe er bis zu zehn Radios besessen. « Alfi hat einen Radiotick.» Immer wenn der Wetterfrosch über längere Zeit schlechte Prognosen verkündete, habe er zu ihr gesagt: «I muess e Nöie ha.» Dann fuhr er ins Willisauer Städtli zum Radio-TV-Geschäft Kurmann und kam mit einem neuen Gerät zurück. Dieses sollte nun besseres Wetter vorhersagen, sagt Schwester Annarose und schmunzelt. Auch als Holzer schleppte er immer einen Radio auf seinem Anhänger mit. «Das gab etwas Musik in sein einsames Leben», vermutet sie. Doch vor allem habe er sich mit den Nachrichten ein kleines Allgemeinwissen zulegen können. Denn: Alfi drückte die Schulbank nur während zweieinhalb Jahren. Schule, so sein Vater, «sei verlorene Zeit». Und sowieso: Ein Schulbesuch mache beim ständigen Wohnortswechsel wenig Sinn.

Der nette Geschäftsmann
Das Leben seines Vaters hat Alfi geprägt. Auch er wechselte ständig sein Zuhause. Fast fünf Jahrzehnte war er als Kundenholzer mit einem Einachser unterwegs, mit zunehmendem Alter stellte er auf das Fahrrad um. Im Heim Mettmenegg in Zell parkierte er sein Velo in seinem Zimmer und band es mit Schnüren an den Radiator. «Sein Besitz war ihm heilig», sagt Schwester Annarose. Alfi besass nur ein paar Werkzeuge, ein Harass voller Kleider und die Radios. «Das war sein ganzes Kapital.» Zu dessen Schutz habe er eigenhändig eine Alarmanlage an die Tür montiert. Verbunden mit einem Kabelsalat an der Zimmerwand. Alfi ist ein sparsamer Mensch. Nicht ohne Grund: Er habe nie genau gewusst, «wenn de Lohn iechond», erinnert er sich. Nebst Kost und Logis habe er nicht viel Bargeld verlangt. Auf einen kleinen Block schrieb er seinen Kunden jeweils eine einfache Rechnung. «45 Franken pro Woche.» Er sei ein zu netter Geschäftsmann gewesen, sagt Alfi . Doch einen Notbatzen hatte er immer. Auch heute noch. So zeigt er seinen bescheidenen Vorrat: eine Hunderternote, eine Flasche Burgunder und einen Liter «Suure Moscht».

«Extrawürste»
Eine Flasche Most nimmt Alfi immer mit an den Mittagstisch. Der kleine Mann sitzt ständig als Erster im Speisesaal. «Er hat einen minutiösen Tagesablauf», sagt Schwester Annarose. Und beim Essen ist Alfi heikel. Wie seit eh und je. Die Bauernfrauen, so Alfi , hätten meist gut gekocht. Und wenn nicht, sei er dort nicht mehr vorbeigegangen. Ganz einfach. Er esse am liebsten währschafte Kost: Ein «Gnagi» oder eine «Brotworscht». Regelmässig gibt Alfi in der Küche seine «Extrawürste» bekannt: «Ankeböckli», «Bärner Orange», Hobelspeck oder früher auch Käsesuppe. Doch auf Letzteres ist Alfi nicht mehr so erpicht. «Es verstopft gärn.»

Ein Schluck «Härzwasser»
Er kommt als Erster und geht als Erster aus dem Speisesaal. Mit dem Rollstuhl fährt er zur Toilette. Er müsse noch schnell «de Böiler go lääre», sagt er. Dann ist Zeit für sein «Härzwasser», ein Kafi Träsch. Er trinkt immer ein Träsch pro Tag. Doch nicht immer konnte er den Alkohol derart gut dosieren. Schwester Annarose: «Manchmal musste ich mitten in der Nacht einen betrunkenen Alfi vom Restaurant abholen.» Zu viele Bauern kannte er, und zu viele wollten ihm einen Schlummertrunk offerieren. «Nach der Zecherei plagte Alfi das Gewissen. Doch wusste er nicht recht, wie er sich entschuldigen sollte.» So klopfte er jeweils spätnachts an die Zimmertür von Schwester Annarose und zeigte ihr mal diesen, mal jenen kleinen, unscheinbaren Kratzer. Sie versorgte ihn dann mit einem Pflaster. «Das war unsere Versöhnung.» Alfi sei ein «feiner, gespüriger Mann». Nie habe er gelernt, seine Gefühle in Worten auszudrücken.

Kein «Töpler»
Schon vor seiner Volljährigkeit hat Alfi den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er war ein Einzelgänger. Auch heute. Er spreche mit keinem der anderen 30 Heimbewohner, sagt Schwester Annarose. «Viel lieber verkriecht er sich ins Zimmer.» Oder er ist mit dem Rollstuhl draussen unterwegs. Hegte Alfi nie den Wunsch nach einer eigenen Familie? Er habe zwar viele Frauen gekannt, sagt der Mann, aber er habe nie eine Freundin gehabt. «I ha d Fröilis lieber lo sprenge.» Warum? «I ha ned rächt gwösst, wies fonktioniert.» Verlegen streicht er über den Bart. Und Schwester Annarose ergänzt: « Alfi war auch nie ein ‹Töpler›.» Dies sei in seiner Berufsgattung eher eine Ausnahme gewesen, vermutet sie. Daher hätten ihn besonders die Frauen auf dem Bauernhof geschätzt und ihn gerne versorgt.

Wertvolle Schatztruhe
Neben einigen Aschenbechern, einem Pack Amsterdamer-Tabak und einem leeren Koffer steht in Alfis Zimmer auch eine hölzerne Truhe. Ein goldenes Schloss weist auf eine Schatztruhe hin. «Do esch nor Gschmöis dren», wehrt Alfi ab. Er kramt einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und öffnet den Deckel. Zwei neuere Werkzeugkästen, zwei rostige Mausefallen und mehrere Meter Kabel kommen zum Vorschein. Drei Briefe und zwei Postkarten, ein rotes Fotoalbum und sein graues Dienstbüechli hat er ebenfalls darin gelagert. Letzteres nimmt Alfi als Erstes zur Hand. «Untauglich» ist mit roter Farbe auf der zweiten Seite des aus dem Jahre 1943 stammenden Büechlis gedruckt. «I be z chli gse förs Militär», erinnert sich der 160-Zentimeter-Mann. Doch Einträge ins amtliche Dokument gabs auch ohne Diensttage. Seitenweise sind Alfis Wohnortswechsel notiert: 1953 Grossdietwil, 1954 Schötz, 1955 Ufhusen… Er schliesst das kleine Buch, steckt es zurück ins Couvert und sagt: «Mer weiss nie, wemmers weder brucht.» Und er schliesst die Truhe wieder ab.

Das «Guet Nacht»-Ritual
Wenn es im Napfgebiet dunkelt, die Nacht hereinbricht, hat Alfi noch Wichtiges vor. Er geht zur Bürotür der Heimleiterin und klopft. «Wenn er mich dort nicht findet, sucht er mich im ganzen Haus», sagt Schwester Annarose und lächelt. Er will ihr «Guet Nacht» sagen, vorher geht er nicht ins Bett. Oft trinken die beiden zusammen ein Glas Rotwein. «Ich habe ihn einfach gerne», sagt die Schwester. Sie kennt ihn seit 23 Jahren. «So gut, wie ihn sonst niemand kennt.» Er zeige ihr mit seinem Verhalten und seinen Gesten, dass auch er sie schätze. Sie erinnert sich: An einem Muttertag pflückte er Blumen vom Strassenrand, transportierte sie auf dem Velopackträger zum Heim und überreichte den Strauss der Schwester. Ohne Worte, aber mit einem verschmitzten Lachen. «Das war ein richtiges Geschenk, von Herzen.» Grosse Worte verliert Alfi auch heute nicht, wenn er auf Schwester Annarose angesprochen wird: «Ech chome scho döre met ehre», sagt er und strahlt.

Eitler Herr
Wenn Alfi auf Gefühle angesprochen wird, streicht er immer und immer wieder mit einer Hand über seinen weissen Bart. Früher war dieser Bart schöner und viel länger, sagt er. Schwester Annarose wollte ihn stutzen. Aus Hygienegründen, wie sie sagt. Doch Alfi ohne Bart, das sei unvorstellbar. Er wolle doch nicht mit einem «Chendsfödli-Gsecht» umherlaufen. Auch die Kopfbehaarung ist Alfi heilig. Obwohl: Seit Jahren wachsen auf seinem Kopf nur noch einzelne Härchen. Diese deckt er immer mit einem «Chäppi» oder einer Zipfelmütze ab. An seine Haarpracht darf niemand ran. Ausser die Coiffeuse in Hergiswil. Das «Fröili» schneide ihm alle paar Monate die Haare. Auch in seiner Kleiderwahl ist Alfi heikel. «Er will bis heute seine Kleider selber auswählen», sagt Schwester Annarose. Da sei nichts zu machen. Sobald ein Pullover zu farbig ist, trägt ihn Alfi nicht.

Duschen und Baden: zwei Fremdwörter
Weit weniger wichtig als seine Kleidung ist ihm die Körperpflege. Bis zur Pension waren Duschen oder Baden Fremdwörter für Alfi . Das Duschen mag er bis heute nicht. «Das Gsprötz hani gar ned gärn», sagt er. Das wöchentliche Baden hingegen mag er. Obwohl er sich früher auch mit Händen und Füssen dagegen gewehrt hat. An Letzteren trägt er immer drei Paar Socken. Daran hat sich nichts geändert. Doch die oberste Schicht Socken ziehen ihm die Pflegerinnen vor dem Schlafengehen aus. Aus Hygienegründen. Ein Pyjama hat Alfi noch nie besessen. Er trägt auch nachts einen Grossteil seiner Dienstbotenkleidung: das karierte Hemd, den wollenen Pullover, Unterhose und eben zwei Paar Socken.

Der Geniesser
Jeden Morgen tut Alfi etwas für seine Gesundheit. «Er muss inhalieren», sagt Schwester Annarose. So vertrage er das Rauchen besser. Alfi stopft sich seine Tabakpfeife mehrmals am Tag und raucht diese genüsslich. Am Fensterplatz in seinem Zimmer. Oder draussen am Strassenrand. «De Amsterdamer-Tabak hed mi s Läbe lang am meischte Gäld kostet», sagt Alfi . Doch er habe sich halt auch etwas gegönnt. Mit einer Tabakpfeife und einem Glas Most ist Alfi glücklich. Angesprochen auf einen Wunsch für die Zukunft winkt er ab und lächelt: «Es goht mer jo guet.» Er habe alles, was er brauche. Ob Alfi , der Mann vom Hergiswiler «Himmel», wohl einmal in den Himmel kommt? «Das weiss ech doch ned», antwortet der einstige Störholzer. «De Herrgott werd d Mönsche scho rächt verteile.»

Video “Spuren eines Originals”: Bis heute erinnern sich viele Menschen im Luzerner Hinterland an den Kundenholzer, an das Unikum vom Napf, an den Mann vom “Himmel”. Im Film erzählen drei Personen, warum Alfi ihnen bis heute in bester Erinnerung geblieben ist (5:03 min.):


+++kasten+++

Störarbeit – früher und heute
«Über die Geschichte der Störarbeit existieren praktisch keine historischen Untersuchungen», sagt Ernst J. Huber, Bibliothekar am Schweizerischen Institut für Volkskunde in Basel. Er stöberte dennoch im Archiv: «Störer sind Meister und Gesellen, die im Haus des Kunden arbeiten.» Dabei hätten sie das zünftige Handwerk gestört, in Unordnung gebacht – daher der Ausdruck «auf die Stör gehen», der aus dem 14. Jahrhundert stammt. Damals sei die Störarbeit in der Stadt verboten gewesen. «Dort herrschte Zunftzwang.» Zünfte waren ständische Körperschaften von Handwerkern, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert Regeln der jeweiligen Handwerksberufe aufstellten und überwachten.

Bei den Bauern beliebt
Die Störhandwerker kamen vorwiegend aus der Unterschicht. Als Lohn erhielten sie entweder Naturalien oder einen bescheidenen Bargeldlohn und Kost und Logis, hält Huber fest. Fast alle Berufsgattungen gingen auf die Stör. Doch vorwiegend wisse man von Metzgern, Schuhmachern, Schneidern, Beckibüetzern, Schreinern oder Messerschleifern. Sie ersparten sich die eigene Werkstatt und den Kunden den Weg ins Dorf, erklärt Huber. «Besonders beliebt waren die Störer bei den abseits gelegenen Bauernhöfen.» Warum? «Sie brachten ihnen Neuigkeiten aus dem Dorf. So wie heute die Medien.»

Störarbeit bis heute
Mit dem Verkauf von Fabrikwaren in Dorfläden ab den 1860/70er-Jahren hätten die Störer allmählich ihre Aufträge verloren. Im Einzelhofgebiet habe sich die Störarbeit aber bis weit nach 1900 gehalten. Gänzlich ausgestorben sei diese Berufsgattung bis heute nicht. So beispielsweise gehen Hebammen, Hausierer oder Metzger noch im 21. Jahrhundert auf die Stör, sagt Huber.

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